10.8.09

Ist Kunst nur Bannung der, eigens in ihrem Namen heraufbeschworenen, Langeweile? Oder ist sie in Übereinstimmung mit einem bestimmten Begriff von Zeit zu denken, der sich erst selbst aus der Unmöglichkeit des Zeitempfindens der Natur herausdifferenzieren muss? Die gestaltende und vollbringende Kraft des Todes auf das Leben1, ist eben die Anerkennung der Endlichkeit des Daseins als sinnvolle Geschlossenheit des Lebens und die daraus folgende Auflehnung gegen das aus der Anerkennung der Endlichkeit entstehende Dasein in die hypothetische Ausdifferenzierung der Kunst hinein, die eine eigene Zeit jenseits des Faktischen impliziert.
Wenn, wie Oscar Wilde es Vivian in den Mund legt: »die Natur (...) immer hinter der Zeit zurück (ist)«2, meint er diese Unzeitigkeit des Ungestalteten, des Natürlichen. Eine Welt wird erst durch Anerkennung des Todes als künstlerische Differenz zu den Fakten des Lebens. Und das Internet? Verstehen wir es mal als missverstandenes Angebot an das vita kontemplativa, das sich mit linear-verkorksten Inhalten füllen muss – allein aus Mangel an Vorstellung und Verwirklichung, die aus dem Allltag des animal laborans mitgebracht, sich hilflos in den Möglichkeiten verlaufen. Deshalb empfindet der Mensch am Ende seiner bekannten, weil begehbahren, Welt das Internet zunächst als schmerzlichen Verlust von Welt und Zeit, und eben nicht als Erfüllung seiner eigentlichen Sehnsucht.3 Eben diese Sehnsucht benannte Heidegger noch zurecht als »Heimat«4. Die tiefe Langeweile demnach, erlöst sich nur in dem Ankommen in der Tiefe. Auch seine späte »Gelassenheit«, die das Verhältnis zur Welt im Unterlassen und in der Nicht-Entschlossenheit zum Handeln begründet, fügt sich hier, wünschenswert in diesem Zusammenhang, in einen notwendigen Begriff von Qualität – gegen die Emphase des Handelns. Nur wer sich selbst schlecht erträgt, wie Nietzsche es im Zarathustra beschreibt, fordert zum unbedingten Handeln am anderen und am Fremden auf, das sich eben nicht an ihnen unterlässt (weil von der Dauer des Lebens gewusst wird).


1 Vergl dazu: Han, Byung-Chul. Duft der Zeit: Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens. Bielefeld: transcript, 2009, S.10.
2 Siehe: Wilde, Oscar, und Rainer Gruenter. Werke in zwei Bänden. München: C. Hanser, 1970, S. 404f.
3 Vergl dazu erneut: Han, Byung-Chul. 2009, S.7f.
4 Siehe: Heigegger, Martin. Die Grundbegriffe der Metaphysik: Welt, Endlichkeit, Einsamkeit. Klostermann Seminar, 6. Frankfurt am Main: Klostermann, 2004, S. 120.